
Fiskalerbschaften: Warum der digitale Nachlass längst Verwaltungspraxis ist!
Wenn der Staat Bitcoin erbt: Warum digitaler Nachlass längst Verwaltungspraxis ist
Was passiert mit einem Bitcoin-Wallet, wenn sein Besitzer verstirbt? Was geschieht mit Guthaben bei Kryptobörsen, PayPal oder Wise, mit gesperrten Smartphones, Cloud-Speichern oder Domains? Und wer kümmert sich darum, wenn am Ende nicht Angehörige, sondern der Fiskus selbst zum Erben wird?
Mit genau diesen Fragen durften wir uns Anfang September intensiv beschäftigen. Im Rahmen der Fachseminare von Fürstenberg führten Rechtsanwalt Christian Weiß von LINTILIA Law und Albert Quehenberger von AQ Forensics gemeinsam ein Inhouse-Seminar für verantwortliche Mitarbeiter einer staatlichen Stelle durch, die regelmäßig eine Vielzahl von Fiskalerbschaften abzuwickeln hat.
Besonders die aktive Beteiligung während des gesamten Seminartages zeigte, wie praxisnah das Thema mittlerweile geworden ist. Eigene Fälle wurden eingebracht, Abläufe hinterfragt und konkrete Problemstellungen gemeinsam diskutiert.
"Denn der klassische Nachlass verändert sich."
Der Nachlass liegt heute nicht mehr nur auf Bankkonten
Ein erheblicher Teil unseres Lebens findet inzwischen digital statt. Ein Smartphone kann Hinweise auf internationale Zahlungsdienstleister enthalten. Eine E-Mail-Adresse kann zu Kryptobörsen führen. Auf einem alten Computer können Wallet-Dateien oder Zugangsdaten gespeichert sein. Eine unscheinbare Folge von zwölf oder 24 Wörtern kann den Zugang zu erheblichen Kryptowerten ermöglichen.
Gerade deshalb lautet die erste Herausforderung häufig nicht nur:
Wie sichern wir einen digitalen Vermögenswert?
Sondern zunächst:
Wie erkennen wir überhaupt, dass er existiert?
Erst danach beginnen die weiteren Fragen. Wo befindet sich das Vermögen? Wer verwahrt es? Gibt es einen zentralen Anbieter? Existiert eine selbstverwaltete Wallet? Welche Bestände bestanden zum Todestag? Und wurden danach noch Transaktionen durchgeführt?
Wenn der Staat zum Erben wird
Besonders interessant wird diese Entwicklung bei sogenannten Fiskalerbschaften.
Wenn keine anderen Erben vorhanden sind oder festgestellt werden können, kann der Staat selbst zum gesetzlichen Erben werden.
Damit erbt die öffentliche Hand aber längst nicht mehr nur Immobilien, Bankguthaben oder Hausrat.
Sie kann ebenso mit Kryptobörsen-Accounts, Hardware Wallets, Domains, digitalen Geschäftsmodellen, Social-Media-Konten oder verschlüsselten Datenträgern konfrontiert werden.
Die zentrale Erkenntnis lautet daher:
"Digitalisierung endet nicht mit dem Tod eines Menschen."
Für die mit der Abwicklung betrauten Stellen beginnt dann häufig erst die Rekonstruktion seiner digitalen Existenz.
Gleichzeitig spielt Zeit eine entscheidende Rolle. Kryptowerte können innerhalb weniger Minuten über Wallets, Börsen, Swaps oder unterschiedliche Blockchains bewegt werden. Accounts können gelöscht, Domains verloren und Datenträger entsorgt werden.
Die digitale Welt wartet nicht auf den Abschluss eines Verwaltungsverfahrens.
Ein Bitcoin befindet sich nicht „auf dem USB-Stick“
Gerade bei Kryptowährungen entstehen schnell Missverständnisse.
Eine Hardware Wallet enthält nicht einfach „die Bitcoins“. Entscheidend für die tatsächliche Verfügungsgewalt sind die kryptografischen Schlüssel.
Deshalb kann ein kleiner Zettel mit einer Seed Phrase für einen Nachlass wertvoller sein als der Computer, neben dem er liegt.
Was eine Blockchain verrät – und was nicht
Ein weiterer Schwerpunkt unseres Seminars lag auf der praktischen Blockchain-Analyse.
Dabei ging es nicht darum, innerhalb eines Tages Blockchain-Forensiker auszubilden. Entscheidend war vielmehr das Verständnis dafür, welche Aussagen On-Chain-Daten überhaupt erlauben.
Eine Blockchain kann zeigen, wann eine Transaktion stattgefunden hat, welche Adresse Vermögenswerte versendet hat, welche Adresse sie empfangen hat und welcher Betrag übertragen wurde.
Sie kann außerdem helfen, weitere Wallets, Kryptobörsen, Swap-Dienste oder Cross-Chain-Bewegungen zu erkennen und historische Bestände zu rekonstruieren.
Was sie jedoch nicht automatisch zeigt, ist die Person hinter einer Wallet.
Eine Wallet-Adresse enthält keinen Namen und beweist nicht, wer wirtschaftlich Berechtigter war oder wer eine Transaktion tatsächlich ausgelöst hat.
Deshalb gilt in unserer forensischen Arbeit:
On-Chain-Daten liefern Tatsachen. Attribution entsteht durch die Verbindung mit Off-Chain-Informationen.
Erst E-Mails, Bankunterlagen, KYC-Daten einer Exchange, Smartphones, Steuerunterlagen oder andere Informationen ermöglichen häufig eine belastbare Zuordnung.
Vom Vortrag direkt in den Blockchain Explorer
Theorie allein reicht dafür nicht aus.
Deshalb erhielten die Teilnehmer während des Seminars einen realen Transaktionshash und analysierten ihre erste Blockchain-Transaktion selbst.
Die Aufgabe lautete:
Was können wir tatsächlich sehen – und was interpretieren wir möglicherweise nur?
Senderadresse, Empfängeradresse, Asset, Betrag, Zeitpunkt und Block lassen sich unmittelbar feststellen.
Die Identität hinter einer Wallet dagegen nicht.
Gerade diese Unterscheidung ist für Behörden, Gerichte, Rechtsanwälte und andere professionelle Beteiligte entscheidend.
Custody oder Self Custody
Für die Nachlassabwicklung ist zudem wesentlich, wo Kryptowerte verwahrt werden.
Befinden sie sich bei einer Kryptobörse oder einem anderen Custodian, existiert grundsätzlich ein zentraler Ansprechpartner. Dann geht es unter anderem um die Identifikation des Accounts, den Nachweis des Todesfalls und der Berechtigung sowie anschließend um Sicherung und Übertragung der Vermögenswerte.
Bei einer selbstverwalteten Wallet sieht die Situation vollkommen anders aus.
Hier entscheidet der vorhandene Zugang.
Seed Phrase, Private Key, Hardware Wallet, Passwort oder eine entsperrte Session können plötzlich zum zentralen Bestandteil der Nachlasssicherung werden.
Gleichzeitig müssen klare organisatorische Prozesse bestehen: Wer darf zugreifen? Wer darf Vermögenswerte übertragen? Wohin werden sie transferiert? Wie werden Zieladresse, Transaktionshash, Betrag und Freigaben dokumentiert?
Technische Möglichkeit und organisatorische Berechtigung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Digitaler Nachlass braucht Recht und Forensik
Gerade deshalb war die Verbindung der beiden Perspektiven für dieses Seminar besonders wichtig.
Christian Weiß beleuchtete die erbrechtlichen und datenschutzrechtlichen Herausforderungen nebst vielfältiger Bezüge zum Urheber- und sonstigen immateriellen Bezügen. AQ Forensics ergänzte diese um Blockchain-Analyse, digitale Spurensuche, Wallet-Strukturen und die sichere Dokumentation von Kryptowerten.
Denn digitaler Nachlass ist kein reines IT-Thema.
Er ist ein interdisziplinäres Verwaltungs-, Rechts- und Forensikthema.
Am Ende geht es dabei auch um weit mehr als Bitcoin.
Banking, Zahlungsdienstleister, Cloud-Speicher, Domains, digitale Werke, geschäftliche Daten, Social Media und Kryptowerte sind inzwischen Teil unserer Lebensrealität.
Für Behörden und andere mit Nachlässen betraute Institutionen lautet die entscheidende Frage daher zunehmend nicht mehr nur:
„Welche Vermögenswerte sehen wir?“
sondern:
„Welche Vermögenswerte könnten existieren, die wir noch nicht sehen?“
Genau an dieser Stelle treffen juristische Erfahrung, strukturierte Nachlassverwaltung und digitale Forensik aufeinander.
Dass sich die Teilnehmer über den gesamten Seminartag hinweg aktiv eingebracht und auch die praktische Blockchain-Übung mit großem Interesse angenommen haben, hat uns besonders gefreut.
Unser Dank gilt den Gastgebern, den Fachseminare von Fürstenberg für die Organisation und insbesondere Rechtsanwalt Christian Weiß und LINTILIA Law für die fachlich wie persönlich hervorragende Zusammenarbeit. Für AQ Forensics bestätigt dieser Seminartag einmal mehr eine Entwicklung, die wir auch in unserer täglichen Arbeit beobachten:
Digitale Vermögenswerte sind längst in der Realität angekommen. Jetzt müssen auch die Prozesse zu ihrer Sicherung, Bewertung und Abwicklung mit dieser Realität Schritt halten.
Grundlage des Beitrags
- Das Seminar behandelte unter anderem digitalen Nachlass, Fiskalerbrecht, Datenschutz sowie die Identifikation, Nachverfolgung und Sicherung digitaler Vermögenswerte.
- Die Schulungsunterlagen umfassten zudem die Suche nach Kryptospuren auf Geräten und in Accounts sowie die Rekonstruktion von Vermögensbewegungen.
- Im praktischen Teil beantworteten die Teilnehmer mit den Referenten rd. 20 Fragen aus ihrer Fiskalerbrechtspraxis.
Weitere AQ ECOSYSTEM-Beiträge
- // AQ ECOSYSTEM 001 - AQ Forensics beim Cardano Summit 2025 in Berlin
- // AQ ECOSYSTEM 003 - AQForensics schulen Cybercrime-Ermittler in operativer Blockchain-Forensik
- // AQ ECOSYSTEM 004 - AQForensics Fachvortrag bei den Vereinten Nationen

